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Aus dem Mitteilungsblatt


Kategorie: Allgemeines/Sonstiges | Mitteilung vom Mi. 13.07.16 , gültig bis Mi. 20.07.16

Römische Villa und Merowingergräber in Söllingen

Dr. Britta Rabold vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart stellte ihren letzten Beitrag für die „Archäologischen Ausgrabungen in Baden-Württemberg“ der Gemeinde für den Abdruck in Pfinztal aktuell und den Pfinztaler Heimatblättern zur Verfügung. Der Bericht in den Pfinztaler Heimatblättern, die im Spätjahr erscheinen, wird durch weitere Bilder ergänzt.

2015 lag der Schwerpunkt der archäologischen Ausgrabungen bei den römischen Siedlungsbefunden im westlichen Ausläufer des Söllinger Neubaugebietes, da die Bauplanung hier baldmöglichst die Trassierung von Erschließungsstraßen vorsieht.

Nachdem der Grundriss des Hauptgebäudes der Villa rustica am Fuß des in Richtung Pfinz abfallenden Hangs soweit bekannt war, galt es nun vor allem sämtliche Profile und Schnitte anzulegen. Diese unterstrichen, dass hier einst ein ansehnliches römisches Anwesen stand. Die Maße des Gebäudes und die Mächtigkeit der Mauerreste hatten ja bereits eindeutig in diese Richtung verwiesen. Leider kennen wir nur das Erdgeschoss der terrassierten Anlage, deren Belle Etage wohl noch weitgehend erhalten in den östlich angrenzenden, höher gelegenen Gartengrundstücken im Boden ruht.

Erweiterung, Umbauten und Reparaturen

Die bereits vermutete Vielzahl der Bauphasen oder Umbauten bzw. Ausbesserungen ließ sich bestätigen. Gleichfalls gibt es immer wieder Indizien dafür, dass auch die Römer bereits mit den Auswirkungen der starken Geländeerosion im Lößboden zu kämpfen hatten, was in Verbindung mit der Hanglage im instabilen Baugrund immer wieder zu statischen Problemen geführt haben dürfte.

Vergleichsweise tiefe und bestmöglich verdichtete, teils sogar vermörtelte Fundamentierungen der dem Hangschub besonders ausgesetzten Mauern sollten demnach Setzungen vorbeugen und der doch eher schluffigen Bodenbeschaffenheit Rechnung tragen. Die häufigen Umbauten und Reparaturen sprechen allerdings dafür, dass dies nicht auf Anhieb gelang oder aber die Erhaltung der Bausubstanz zumindest sehr aufwändig gewesen sein muss.

Auffällig und nicht wirklich professionell ist ein Stabilisierungsversuch im nördlichen Risalit. Die mehr oder weniger trapezförmige Vorlage aus Kalkbruchsteinen, Sandsteinabschlägen, Ziegelplattenfragmenten und Mörtelresten kann jedoch kaum einem anderen Zweck gedient haben. Sie sitzt auf einer Schicht, die starke Hitzeeinwirkung zeigt und besteht selbst aus Bauschutt. Alles spricht dafür, diese Reparatur in die jüngste Besiedlungsphase zu datieren.

Für das Steingebäude sind zwei grundlegende Ausbauphasen charakteristisch. Zunächst bestand lediglich der langrechteckige zentrale Trakt. Die beiden Risalite mit der im Befund wohl erhaltungsbedingt nicht mehr nachweisbaren, aber sicherlich einst vorhandenen Portikus wie auch höchstwahrscheinlich den nachgeordneten Räumlichkeiten gehören mit Sicherheit zu einer groß angelegten Gebäudeerweiterung.

Nachweislich wurde der aufgehende Bereich der Westwand des älteren Gebäudes bei dem Ausbau komplett niedergelegt; lediglich die Fundamentierungen scheinen wieder benutzt worden zu sein. Die Nord-Süd verlaufenden Mauern des jüngeren Bauzustandes sind durchweg tiefer fundamentiert als die rechtwinklig anschließenden Wände.

Bei einer Ecklösung konnte noch die markante Aussparung für ein massives, senkrechtes Kantholz in der Rollierung nachgewiesen werden. Vielleicht handelt es sich auch hierbei um eine Stabilisierungsmaßnahme. Der Befund erinnert an die Konstruktionsweise von Steinfachwerk.

Am nördlichen Gebäudeende befand sich, wie bereits vermutet, ein Treppenhaus oder eine ummauerte und überdachte Rampe zur Überwindung des starken Gefälles in Richtung Obergeschoß. Dieser Aufgang wurde an den Eckrisalit angebaut.

Eine außergewöhnliche Konstruktion zeigte sich bei der Südmauer des Treppenhauses. Anstelle einer Fundamentierung oder Rollierung aus Bruchsteinen zeigten mehrere Querschnitte einen eher spitzgrabenartigen Unterbau mit unterschiedlicher Ausführung und Tiefe. Im nur wenige Meter entfernten Ostprofil, der östlichen, hangseitigen Grabungsgrenze, war diese grabenartige Struktur schließlich überhaupt nicht mehr vorhanden. Eine Deutung als älterer Befund scheidet daher höchstwahrscheinlich aus.

Vielmehr kommen auch hier eigentlich nur statische Gründe als Erklärung in Frage. Das große Ostprofil verdeutlicht, dass die Villa einst auf einer flachen Erhebung am Hangfuß stand mit leicht abfallendem Geländeniveau sowohl in nördlicher als auch in südlicher Richtung. Eine Überprüfung der Fundamentgestaltung am entgegengesetzten, südlichen Gebäudeende war erhaltungsbedingt leider nicht mehr möglich.

Am nördlichen Ausläufer des Ostprofils konnte eine weitere, recht tief fundamentierte, knapp ein Meter breite Mauer nachgewiesen werden, deren Ausrichtung deutlich von den übrigen Mauern der jüngeren Bauphasen abweicht. Ihre Orientierung würde weitaus besser zu den rudimentären Resten des vermutlich ältesten Holzfachwerkbaus passen. Gegen eine Datierung in die frühe römische Besiedlung spricht allerdings die Wiederverwendung von Ziegelbruchstücken u.a. Baumaterial.

Römische Straße und vorgeschichtliches Grabenwerk

Nördlich und nordwestlich des römischen Gebäudes zeigten sich ausgedehnte Steinrollierungen mit grabenartiger Unterbrechung. Vermutlich handelt es sich um den Unterbau einer Straße, die die römische Villa mit dem Pfinztal verband. Hier werden noch weitere Untersuchungen erforderlich sein; allerdings erst nach Freigabe des Geländes durch den Naturschutz.

Die vorrömische grabenartige Verfärbung war leider nur noch in den untersten Bereichen erhalten und die Verfüllungsreste bis auf kleinste römische Einschlüsse ziemlich steril. Dennoch zeichnete sich jetzt ein kreisförmiger Verlauf ab. Vermutlich trifft eine Deutung als neolithisches Grabenwerk zu mit bislang allerdings noch nicht bezifferbarem Durchmesser.

Gräber der Merowingerzeit

Ab dem Hochsommer konnten parallel zu den Arbeiten im römischen Grabungssektor auch noch weitere merowingerzeitliche Gräber im östlich gelegenen Gewann „Engelfeld“ freigelegt werden. In einigen Fällen hatten die antiken Grabräuber wiederum ganze Arbeit geleistet. Die Grabzusammenhänge waren kaum mehr rekonstruierbar; die Skelette vollständig demontiert. Mitunter fanden sich nur noch die letzten sterblichen Überreste in der Grabgrube verstreut oder auch an einer Stelle konzentriert niedergelegt. Bei den besser erhaltenen Grablegen waren mehr oder weniger starke Störungen im Brust- und Beckenbereich, wo man die vergleichsweise wertvollen Trachtbestandteile und Ausrüstungsgegenstände vermutete, leider fast die Regel.

Die Größe der Grabgruben verweist in vielen Fällen auf Holzkammergräber. Vereinzelt bezeugten dunkle Verfärbungen die einstigen Wände der Grabeinbauten.

Ein Frauengrab enthielt neben Schmuckperlen und Kettenanhängern Gürtelteile, ein Messer und ein intaktes Keramikgefäß. Tierknochen verweisen auf Speisebeigaben. Vollständig erhalten blieb eine Zierscheibe aus Bein mit markanter, rechteckiger Aussparung im Randbereich und konzentrischen Verzierungen. Die Scheibe lag mit der Ansichtsseite auf dem linken Oberschenkel der Verstorbenen, nicht weit vom Becken entfernt. Die Deutung dieses Befundes entzieht sich derzeit noch unserer Kenntnis. Möglicherweise gehört die Aussparung nicht zum ursprünglichen Zustand des Schmuckgegenstandes. Hier bleibt die Restaurierung abzuwarten. Ein weiteres Frauengrab besticht durch die Größe des Individuums mit mindestens 1,74 m, das in einem 2,6 x 1,55m großen Grab bestattet war. In einer Ecke stand ein zusammengedrücktes doppelkonisches Gefäß. Trotz Beraubungen und nicht unerheblichen Zerstörungen wurden doch noch charakteristische Beigaben zurückgelassen. Neben einem vollständigen, massiv gegossenen Bronzearmreif, der sich nicht mehr in Trachtlage befand, lassen sich Teile des Gürtelgehänges mit Molluskenanhänger, Perlen, eine Eisenschnalle, ein Messer und Reste der Wadenbindengarnitur anführen, die allerdings auf verschiedenen Ebenen angetroffen wurden. In einer gleichfalls großen Kammer fand ein Mädchen seine letzte Ruhe. Besonders im Brustbereich und in der Beckengegend waren hier starke Fremdeinwirkungen zu verzeichnen. Von dem ursprünglich sicher sehr hochkarätigen Beigabenensemble verblieben immerhin noch eine lange Bronzenadel im Kopfbereich, eine Gürtelschnalle mit Resten des Gehänges (Kaurischnecke und Eisenteile), ein Beinkamm und zwei mehr oder weniger vollständige Keramikgefäße im Grab zurück. Die bislang insgesamt 55 freigelegten Gräber im Geltungsbereich des Söllinger Neubaugebietes liegen in einem Areal von etwa 1.000 m², wobei vor allem im südwestlichen Teil dieser Fläche noch einige Bestattungen ausgegraben werden müssen. Nach Ausweis großangelegter Baggersondagen im nordwestlich anschließenden Gelände kommt noch einmal eine Fläche von schätzungsweise 750 m² hinzu, wobei die Belegungsdichte Richtung Norden kontinuierlich abzunehmen scheint. Am mutmaßlichen nordwestlichen Rand der Nekropole zeichnete sich bereits bei den Baggerarbeiten ein ringförmiger, schmaler Graben ab, der vermutlich mit einem Hügelgrab in Verbindung zu bringen ist. Es bleibt zu hoffen, dass dieser außergewöhnliche Befund noch weitgehend intakt ist.

Text: Dr. Britta Rabold; Literaturhinweis: B. Rabold, Arch. Ausgr. Baden-Württemberg 2014, 232-235.

Fotonachweis: K. Zarrad, Ref. 84.2 – KA





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