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Aus dem Mitteilungsblatt


Kategorie: Allgemeines/Sonstiges | Mitteilung vom Mi. 03.04.19 , gültig bis Mi. 10.04.19

Gut besuchte Einwohnerversammlung im Ortsteil Söllingen - Bahnunterführungen Söllingen werden zur planerischen Nagelprobe

Bürgermeisterin Nicola Bodners Schlussworte „Wir sind eine lebendige, aktive Gemeinde“ bezogen sich einerseits auf den guten Besuch der Einwohnerversammlung in Söllingens Emil-Frommel-Haus und damit auf das bemerkenswerte Interesse an der Gemeindepolitik, andererseits aber in erster Linie auf die großen Investitionsprojekte der Kommune, die im Mittelpunkt der zweistündigen Informationsveranstaltung standen. Im Fokus standen insbesondere die geplanten und wohl am 1. September beginnenden Umgestaltungsarbeiten am Söllinger Bahnübergang, die von Ortsbaumeister Günter Knobloch in einem über einstündigen Vortrag in detaillierter Form vorgetragen und erläutert wurden.

Begonnen wurde aber mit der Berichterstattung zur Renaturierung des Bocksbachunterlaufs in Kleinsteinbach, der sich der Fachbereichsleiter Umwelt und Garten, Uwe Renz, annahm. Renz skizzierte zunächst die Vorgeschichte des Projektes. Initiiert durch die neue EU-Gewässerrahmenrichtlinie, die bis 2015 guten, ökologischen Zustand von Gewässern einforderte, habe 2004/05 die Planung begonnen, den befestigten Wasserkanal vom „Adler“ bis zur Mündung in die Pfinz zu beseitigen. Im Laufe der ersten Jahre wurde mit Kosten von 450.000 Euro gerechnet. Das Projekt lag dann einige Jahre „auf Eis“. Durchbruch in das Verfahren brachte die Erschließung des Neubaugebiets „Heilbrunn/Engelfeld“ in Söllingen, für die Ausgleichsflächen benötigt wurden. Die Bocksbach-Renaturierung wurde als Teil-Ausgleichsfläche „entdeckt“. Eine neue Zuschusshöhe von 85 Prozent konnte anvisiert werden, weil auch Hochwasserschutz noch miteinbezogen werden konnte. Das Warten hatte sich gelohnt.

Aber die Baukosten kletterten auf über eine Million Euro. Durch beste Wetterbedingungen, so Renz im Rückblick, konnten die Baumaßnahmen trotz schwierigem Zugang und eingeschränktem Betätigungsfeld von September bis Weihnachten 2018 vollzogen werden. Nach Beseitigung des Flussbettes aus Sandstein wurden Flussbausteine aus Granit „mit Prinzip“ in den Bach eingebaut. Der Absturz des Bocksbaches zur Pfinz wurde als Wanderhindernis für Lebewesen beseitigt und eine Rampe eingebaut. Im Bach wurden Stillbereiche geschaffen. Mit einem ersten größeren Wasseraufkommen im März sei eine erste größere Nagelprobe bestanden worden. Jetzt stehe noch eine Bepflanzung der Ufer mit Weidestecklingen und anderen Gewässer begleitenden Pflanzen an.

 

Bahnunterführungen mit unvermeidbaren Folgen

In welch erheblichem Umfang die Bahnunterführungen Söllingen die Gemeindepolitik und insbesondere die Planungsverantwortlichen im Bauamt in den letzten Jahren beschäftigten, machte der fachlich fundierte, auch ehrliche Vortrag von Günter Knobloch deutlich. Dass die weitgediehenen Planungen, die einen Baubeginn zum letzten Jahresdrittel anvisieren, nicht nur viel Geld verschlingen werden, sondern wegen der Komplexität des Vorhabens immer noch nicht endgültig abzuschätzende Unwägbarkeiten enthalten können und den Bürgerinnen und Bürgern viele, aber nicht zu vermeidende Belastungen während der Bauzeit zumuten werden, wurde mit Bildaufnahmen und Plänen den Zuhörern deutlich vor Augen geführt. Zugesichert wurde, dass alle Verantwortlichen sehr sensibel auf die Belange der Bevölkerung eingehen werden. Ziel müsse es auf jeden Fall sein, der Einwohnerschaft ein durch die Bauwerke erzeugtes Verkehrssystem zur Verfügung zu stellen, das absolut zukunftsfähig ist. 

 

Überlegungen zur Beseitigung des Bahnüberganges (BÜ) und Schaffung von Ersatzmaßnahmen können bis in die 1980-er Jahre zurückverfolgt werden. Damals wurde das Paket mit Nordumgehung (NU), Fußgängerunterführung (FU) und Pkw-Unterführung (PU) geschnürt. Später (2007 und 2010) wurden nur die NU (bereits verwirklicht) und die FU als Ersatzmaßnahmen festgelegt und die PU als neue Bahnkreuzung bezeichnet. Verzögerungen habe es durch die komplizierte Planung in Folge der vorhandenen räumlichen Enge, aber auch durch zwei Normenkontrollverfahren und ein Petitionsverfahren 2016/17 gegeben. Die Bauwerke müssen wegen der vorhandenen Raumsituation als Prototypen gesehen werden; Vergleichserfahrungen aus abgewickelten Projekten ähnlicher Art könnten nicht herangezogen werden. Auch liege der Zuschussantrag für die PU noch immer beim Regierungspräsidium; ein Baubeginn sei aber ohne Zuschussschädlichkeit bereits erlaubt. Die Gesamtkosten sollen sich auf 41 Millionen Euro belaufen; für die Gemeinde sollen nach Abzug aller Refinanzierungsmittel noch rund 13 Millionen verbleiben. 2016/17 befassten sich die Organe der Gemeinde ausführlich mit den zwei verbleibenden Bauwerken. Die Bahn habe den Bahnübergang schon 2016 ganz schließen wollen, so Knobloch, da sie bei einem Ausfall der Steuerungs- und Signaltechnik Havariefälle mit verheerenden Folgen im Bahnbetrieb befürchtete. Der Übergang sei von der Bahn 2000 modernisiert, aber weitere notwendige Verbesserungsaktivitäten in der Hoffnung auf eine baldige Beseitigung des BÜ zurückgestellt worden. Da dies aber nicht erfolgt ist und außerdem Ersatzteile nur noch schwer zu beschaffen sind, bestehe die Bahn unmissverständlich auf die Vollsperrung des BÜ. Dies sollte am 1. April 2019 schon der Fall sein, durch Verhandlungen konnte der Stichtag auf den 1. September verschoben werden. Dass eine Totalsperrung besonders für Mobilitätseingeschränkte oder für Nutzer von Kinderwagen dramatisch ist, sei „uns allen“ bewusst, versicherte Knobloch. Es gebe derzeit drei Überlegungen, wie die Situation vielleicht doch noch entschärft oder gerettet werden könnte. Sie sollen in einem Gespräch mit Vertretern der Bahn und der AVG in Bälde geklärt werden. Eine Möglichkeit wäre, dass der BÜ doch noch für Fußgänger durch besondere Sicherungsmaßnahmen ebenerdig passierbar bleibt. Es könnte aber auch ein provisorischer Fußgängersteg über die Stromleitungen hinweg gebaut werden. Untersucht werden müsse, ob in dem eingeschränkten Baufeld auch Fahrstühle installiert werden könnten, die aber wohl im Zuge der Baumaßnahmen auch mehrfach ab- und wieder aufgebaut werden müssten. Als dritte Alternative wird die Einrichtung eines durch die Gemeinde eingerichteten Shuttle-Verkehrs überlegt, der zu festgesetzten Zeiten Fahrgäste von dies- nach jenseits der Bahn transportieren könnte.

 

Bauzeit für Leitungsverlegungen eineinhalb Jahre

Erste Baumaßnahme wird die Verlegung von Versorgungsleitungen (Abwasserkanal, Trinkwasserleitung) sein. Dazu muss zweimal der Bahnkörper durchpresst werden. Mit einer Bauzeit von eineinhalb Jahren wird gerechnet. Wenn dann PU und FU anschließend gleichzeitig gebaut werden, könne die Bauaktivität zwei bis zweieinhalb Jahre, sonst drei Jahre dauern. Die FU werde nun doch für vier Gleise (Streckenerweiterung der AVG eingeplant) vorgesehen und soll, da sie länger als 25 Meter ist, sechs Meter breit werden („Es soll kein Angstraum entstehen“). Beiderseits sind neben Treppenauf- und -abgängen Fahrstühle vorgesehen. Für das „Wässemle“ ergibt sich die Situation, dass es wohl drei Wochen ganz gesperrt sein wird. In der Nähe der Wohnhäuser soll in der Zeit ein Feuerwehrcontainer aufgestellt werden, aus dem sich im Bedarfsfall die Feuerwehr bedienen kann.

Die PU nimmt einen Verlauf in Omega-Form. Zur Sicherheit der Radfahrer werden die beidseitigen Radwege in Einbahnwegen konzipiert. Das Bauwerk soll eine lichte Höhe von 3,20 Metern haben. Die PU bleibe finanziell neben einem Landeszuschuss von 50 Prozent an der Gemeinde hängen, auch für die Radwege gebe es Zuschüsse. Am Kreuzungsbereich nach der PU wird es einen Minikreisel an der Einmündung Wesebachstraße/Hebelstraße/Königsbacher Straße zur Erhöhung der Verkehrssicherheit geben.

Auch die Bahnsteige müssen im Zuge des Umbaus zwingend neugestaltet werden, da sie nicht mehr den aktuellen Regelwerken entsprechen. Am Bahnhof Söllingen wird es 15 Monate lang keinen Halt von Bahnen geben. Die Baustelle Söllingen soll aber keine Auswirkungen auf die Pünktlichkeit der Züge haben. Endstation der S-Bahnen wird die Haltestelle Reetzstraße sein. Dort soll es noch Rangiermöglichkeiten geben. Bewusst ist man sich, dass es zu größeren Parkproblemen kommen wird. Die Hoffnung ist, dass nach Abschluss der Erschließung „Heilbrunn/ Engelfeld“ dort Parkflächen genutzt werden können.

 

Dieser Punkt war auch ein Anliegen in der dem Vortrag folgenden Bürgerfragerunde. Ob die Reetzstraße während der Bauzeit dauerhaft befahrbar ist, musste negativ beantwortet werden. Er wird „einige Zeit“ gesperrt sein. Mögliche Umsatzeinbrüche dortiger Firmen sollen durch Ausgleichszahlungen abgemildert werden. Durchgängige Halteverbote könne es weder in der Wesebachstraße noch in der Pfinzstraße geben. Der Zugang zum Haltepunkt Reetzstraße wird für Kinderwagen als zu steil empfunden. Hier sollen noch Gespräche für eine Lösung stattfinden. Auf mögliche Schäden an Wohnhäusern durch Spundwände angesprochen versicherte Knobloch, dass die Gebäude vor und nach den Baumaßnahmen von einem Gutachter „unter die Lupe“ genommen werden. Bei verursachten Schäden könne großzügig mit Entschädigungen gerechnet werden. Lediglich eine Wortmeldung plädierte wegen der enormen Beeinträchtigungen für einen gänzlichen Verzicht auf die PU. „Die Bevölkerung steht mit großer Mehrheit hinter ihnen und ihren Planungen, Herr Knobloch“, unterstrich der ehemalige Ortsvorsteher Hans Weiß zum Abschluss.

 

Text und Fotos: Karl-Heinz Wenz 





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