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Branchenverzeichnis Pfinztal

Aus dem Mitteilungsblatt


Kategorie: Allgemeines/Sonstiges | Mitteilung vom Mi. 10.04.19 , gültig bis Mi. 17.04.19

Ein Blick zurück in Pfinztals Vergangenheit

2020: 250 Jahre metallbearbeitende Industrie in Kleinsteinbach und Söllingen


2020 kann Pfinztal auf 250 Jahre Metallbearbeitung in Kleinsteinbach und Söllingen zurückblicken. Dies nahm Karlheinz Essig zum Anlass, eingehende Recherchen, vor allem über die Gründungsjahrzehnte des Industriestandortes Hammerwerk anzustellen und die Geschichte des „Hammerwerks“ detailreich aufzuarbeiten.

Viele Wechsel in den ersten 150 Jahren

1770 genehmigte der Markgraf zu Baden-Durlach die Errichtung einer Waffenschmiede mit Hammer- und Schleifwerk an der 1763 gebauten Stauanlage an der Pfinz zwischen Kleinsteinbach und Söllingen. 1776 wurde das Werk durch große Hochwasserschäden für längere Zeit zum Stillstand gebracht. Die Besitzer verließen Anfang 1778 völlig verarmt den Betrieb. Die Gläubiger übernahmen das Werk als gemeinsames Eigentum. 1786 erwarb Hammerschmied Johann Schmidt das Werk, das aber 1812 in Konkurs ging. Kurzzeitig übernahmen die Gebrüder Benkieser das Werk und machten es zu einer Filiale ihres Pforzheimer Betriebs. 1827 wurde dort eine Öl-, Raps-, Schleifmühle und Hanfreibe betrieben. 1857 gab es die Fertigung von Eisen- und Stahlwaren durch einen Eisenhändler aus Durlach, 1875 wird ein Hammerwerk mit Eisen- und Metallgießerei, Schneidemühle und Schleiferei erwähnt. 1890 ging das Werk an einen neuen Besitzer über, der es um eine Schlosserei, ein Maschinenhaus, Ökonomiegebäude und Lagerhaus erweiterte. Ab 1899 bis 1910/11 ist von der Fa. Eisenwerke Söllingen die Rede. Ein Kesselhaus und ein massiver Schornstein wurden errichtet. Hier wurden Schmiedestücke in Stahl und Eisen, Keltereianlagen, Mühlen verschiedener Art, Pressen, Motoren für Lokomotiven und Automobile und Gießereiteile gefertigt. Als Schmiedemeister arbeitete hier auch August Rosswag, der nach der Einstellung des Betriebs der Eisenwerke Söllingen 1911 Firmengründer von Edelstahl Rosswag wurde. Im Hammerwerk ging es von 1911 bis 1917 weiter mit einer Verzinkerei der Süddeutschen Röhrenindustrie, bis 1920 waren Kunstwollwerke untergebracht und ab 1921 wurde es zur Errichtung einer Sauerstofffabrik übernommen.

 

1928 übernimmt die Badische Wolframerz GmbH Söllingen

Nach dieser wechselvollen Geschichte beginnt im Jahre 1928 durch den Kauf der Werksanlagen durch die Badische Wolframerz GmbH Söllingen, kurz „Bawos“ genannt, die eigentliche Blütezeit des Industriestandortes. Die Bawos wuchsen zu einem wichtigen Arbeitgeber vor allem für Söllingen und Kleinsteinbach; zeitweise gab es eine Belegschaft von 450 Mitarbeitern. Bei der Bawos wurden Ferro-Chrom, -Wolfram und -Molybdän erzeugt, die vor allem als Bestandteil hochwertiger Stähle gebraucht wurden. Beim Chrom waren es bis zu 3 000 Tonnen im Monat. Die Schmelztemperaturen reichten bis 3 400 Grad Celsius. Das notwendige Erz kam aus Russland, der Türkei, aus Südafrika, auch aus Südamerika und China und wurde vom Rheinhafen Karlsruhe mit der Bahn bis Wilferdingen und dann zur Bawos mit eigenem Gleisanschluss transportiert. Die Löhne bei der Bawos lagen weit über dem Niveau der Bauindustrie, von Schmieden und Drehereien. Sonntags gab es doppelte, feiertags dreifache Bezahlung. Soziale Leistungen, wie kostenlose Erholungsurlaube, eigene Pensionskasse, Schulungen der Mitarbeiter, Jugendvertretung, Wohnungen für Beschäftigte oder ein Fremdarbeiterwohnheim (Spanier und Italiener), waren selbstverständlich. Im eigenen Labor arbeiteten 12 bis 15 Personen, die vom Abstich bei der Raffinade und bei den Schlacken Analysen vornahmen. Ein Problem war und blieb die Rauch- und Staubentwicklung. Aus den Schornsteinen der Hochöfen stiegen weithin sichtbare Rauchwolken auf. In der Umgebung ging eine nicht geringe Menge Staub nieder, für heutige Umweltschutzstandards unvorstellbar. Die großen Erwartungen in eine installierte Entstaubungsanlage erfüllten sich nicht, das technische Know-how fehlte noch. Die beim Schmelzvorgang übriggebliebene Chrom-Schlacke war besonders verschleißfest und wurde für den Straßen- und Wegebau genutzt.

 

Geschäftseinbruch Mitte der 60-er Jahre

Die Betriebsergebnisse waren bis in die ersten 1960er- Jahre hervorragend. Mitte des Jahrzehnts aber gab es durch weitaus billigere Lieferungen aus dem Ausland an die deutschen Stahlwerke einen Einbruch der Erträge. Als Konsequenz blieb nur, Kosten einzusparen und die Produktion zu erhöhen. Dies erfolgte durch den Bau eines weiteren Ofens. Es fehlte auch nicht an Vorschlägen zur Kosteneinsparung, die aber bei der neuen Geschäftsführung auf wenig Resonanz stießen. Obwohl die Belegschaft auf 230 Mitarbeiter abgebaut wurde und der Ausstoß sich nahezu verdoppelt hatte, blieb der wirtschaftliche Erfolg aus. Krupp-Essen, seit 1968 alleiniger Inhaber des Werkes, traf am 19.September 1973 die Entscheidung, den Betrieb am Ende des Jahres stillzulegen. Schwer war der Verlust der Arbeitsplätze für manche Familien. Auch die noch selbstständige Gemeinde Kleinsteinbach hatte an dem Ausfall der Gewerbesteuereinnahmen besonders zu „nagen“, denn die Ausgaben für den Schulhausneubau stützten sich stark auf den Geldzufluss vom „Hammerwerk“.

Zur Geschichte des „Hammerwerks“ gehört auch ein unrühmliches Ereignis am Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Einmarsch alliierter Truppen befragten diese bei der Bawos während der Kriegsmonate beschäftigte Russen über ihre Behandlung durch die Firma. Nur einer der Befragten machte belastende Aussagen über die Betriebsleitung, aber diese Aussagen nahmen die fremden Soldaten zum Anlass, den technischen Leiter des Werks, Dr. Ney, den Werkmeister und den Lagerleiter zu töten. Die schrecklich zugerichteten Leichen wurden am 11. April 1945 in der „Schlucht“ – oberhalb des heutigen Restaurants Villa Hammerschmiede – gefunden.

 

Heute

Auf dem von der Gemeinde übernommenen Gesamtareal wurde in den letzten Jahrzehnten ein florierender Gewerbepark eingerichtet.

 

Heimatmuseum

Der Heimatverein Pfinztal ist im Besitz eines Modells, das die Dimensionen der Industrieanlage in den 1960er-Jahren anschaulich darstellt. Dokumentationen und viele Bilder sind hierzu ebenfalls vorhanden.

 

Text: Karl-Heinz Wenz, Foto: Gemeindearchiv





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