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Branchenverzeichnis Pfinztal

Aus dem Mitteilungsblatt


Kategorie: Allgemeines/Sonstiges | Mitteilung vom Do. 10.09.20 , gültig bis Mi. 16.09.20

250 Jahre Metallbearbeitung in Pfinztal


Starke Aufwärtsentwicklung des „Hammerwerks“ ab 1930er-Jahre
Zeitweise 360 Beschäftigte / Betriebsschließung Ende 1973


Arbeitsplatz Hammerwerk

Dem neuen Besitzer, der Badischen Wolframerz-Gesellschaft, kam zugute, dass für das Werk die erforderliche elektrische Energie durch die Fertigstellung des Schluchsee-Kraftwerkes im Schwarzwald zur Verfügung stand. So konnte ein Elektroschmelzwerk zur Herstellung von Ferrolegierungen errichtet werden. Ferrolegierungen wurden für die Edelstahlproduktion gebraucht. Im Gründungsjahr wurden zunächst drei Einphasen-Elektro-Öfen zur Erzeugung von Ferro-Wolfram und Ferro-Molybdän installiert. Im Jahr 1932 kam der erste Dreiphasen-Elektro-Ofen hinzu, der zur Produktion von Ferro-Chrom und Ferro-Silizium bestimmt war. Unter Leitung erfahrener Hüttenfachleute und einem gesunden finanziellen Fundament begann nun eine erfolgreiche Epoche, die sich auch positiv auf die Finanzen der Gemeinden Söllingen und Kleinsteinbach, auf deren Gemarkungen das Werk lag, auswirkte. Für viele Anwohner der umliegenden Ortschaften war das „Hammerwerk“ eine wichtige Erwerbsquelle. Zu besten Zeiten zählte das Werk 360 Beschäftigte.
Aufgrund der guten Geschäftsentwicklung in den 1930er-Jahren konnten zu den vier bestehenden Öfen drei weitere errichtet werden. Ofen 7, der im Kriegsjahr 1944 noch kurz in Betrieb ging, wurde jedoch bald darauf wie die anderen Öfen infolge der Besetzung durch die Alliierten stillgelegt. Die benötigten Rohstoffe – Chrom-, Molybdän- und Wolframerz – wurden teilweise aus China, Australien und Südamerika importiert. Sie wurden auf dem Wasserweg über Rotterdam/Amsterdam in den Niederlanden auf dem Rhein bis Karlsruhe transportiert und dann per Bahn bis zum Bahnhof Wilferdingen geliefert, von wo aus per „Hammerwerklopperle“ mit Gleisabzweig das „Hammer-werk“ erreicht wurde. Dieser Name ist bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. Der heutige Name „Hammerwerk-Center“ für das dortige Einkaufszentrum ist eine Reminiszenz an die Geschichte des Areals.
Der 2.Weltkrieg und seine Folgen haben dem Werk schwere Schäden gebracht. Ungeachtet aller Schwierigkeiten zum Trotz wurde mit viel Optimismus das Zerstörte wiederaufgebaut und dazu neue Werks- und Ofenanlagen erstellt. Der unerschütterliche Glaube an den Aufstieg wurde durch die anschließenden Erfolge bestätigt. Mit dem Wiederaufbau des Werkes und der Inbetriebnahme wurden von der Krupp-Zentrale in Essen die Herren Dr. Altpeter und Professor Dr. Volkert, ein hervorragender Metallurge, beauftragt. Sie wohnten zeitweise im Bürogebäude.
Der Aufschwung hatte aber auch negative Folgen. Erhebliche Abgasmengen und Staubablagerungen wurden verursacht. Diese ließen deutliche Schäden in den Gemeindewäldern zurück. Auch in der Bevölkerung regte sich wegen dieser Belastungen Unmut. Die Situation fasst ein damaliger Bericht aus dem Jahr 1962 in den Krupp-Mitteilungen zusammen: „Keine Atomwolke ist es, wenn der Reisende des Schnellzuges Karlsruhe-München, wenige Minuten nachdem der Zug die Vorberge des Schwarzwaldes passiert hat, die Landschaft in einen grau-bläulichen Dunst eingehüllt sieht. Und es ist gar nicht so selten, dass der kundige Schaffner den interessierten Fragern erklärt, dass diese so auffallende Dunstwolke von einem bedeutenden Unternehmen herrührt, das bei den Einheimischen als „Hammerwerk“ bezeichnet wird. Es ist die badische Wolframerz.“
Im Laufe der Jahre wurden die Emissionen durch den Einbau moderner Filter- und Entstaubungsanlagen auf ein noch erträgliches Maß reduziert. In der Nachkriegsära wurde der Betrieb unter der Leitung von Volkert und Altpeter wesentlich erweitert und nach den neuesten Erkenntnissen ausgebaut. Die Produkte wurden hinsichtlich der Arten und Qualitäten wesentlich verbessert. Als Beispiel für den Produktionsumfang seien Zahlen aus dem Jahr 1957 genannt. Das Elektroschmelzwerk produzierte monatlich 2.000 Tonnen (t) Ferrochrom, 60 t Ferrowolfram und 180 t Ferromolybdän. Die Schmelztemperaturen lagen zwischen 2.600 und 3.400 Grad Celsius. Der Stromverbrauch der Bawos betrug ca. 180 bis 200 Millionen Kilowatt und damit die Hälfte der Stadt Karlsruhe einschließlich der Industrie. Die Elektroenergie schluckte 20 Prozent der Kosten der Bawos, das Erz erforderte mit 50 Prozent den höchsten Anteil. Mit sieben bis acht Prozent waren die Personalkosten relativ gering, obwohl die Löhne weit über dem Niveau des örtlichen Baugewerbes oder von Drehereien lagen. Sonntagsarbeit wurde mit doppelter, Feiertagsarbeit mit dreifacher Bezahlung entlohnt. Das fertige Material wurde vor allem per Lastkraftwagen von Unternehmern aus Kleinsteinbach und Singen oder per Bahn zum größten Teil an Stahlwerke im Ruhrgebiet geliefert. Zum Kundenkreis gehörten aber auch Firmen in Übersee. Die beim Produktionsprozess anfallenden Schlacken wurden von der Firma TEERBAU für den Straßenbau weiterverarbeitet.
Die jeweiligen Betriebsführungen legten auf den Erhalt eines zufriedenstellenden Betriebsklimas großen Wert. Für die Schwerstarbeit an den Schmelzöfen, die Tag und Nacht in Betrieb waren, erhielten die Bediensteten Arbeitskleidung und zusätzliche Lebensmittel. Auf betriebseigenem Gelände in der Kleinsteinbacher Söllinger Straße baute die Firma Werkswohnungen. Auch ein Ausländerwohnheim wurde errichtet; Spanier und Italiener kamen hier unter. Daneben wurden Erholungsfürsorge und andere soziale Einrichtungen gefördert, eine Pensionskasse eingerichtet.
Im Jahr 1960 waren anfangs die Erträge noch hervorragend, brachen dann aber ein, weil aus dem Ausland zu Dumping-Preisen weitaus niedrigere Preise den deutschen Stahlwerken geboten wurden. Konsequenz für die Bawos war, Kosten einzusparen und gleichzeitig die Produktion zu erhöhen, was durch den Bau eines Ofens 14 gelang, der 1964 eingeweiht wurde. „Doch es kam, wie es kommen musste“, wie aus den Betriebsmitteilungen zu entnehmen ist. Obwohl die Belegschaft auf 230 Mitarbeiter abgebaut wurde und der Ausstoß sich verdoppelt hatte, blieb der wirtschaftliche Erfolg aus. Am 19. September 1973 traf Krupp-Essen die Entscheidung, das Werk am 31. Dezember 1973 stillzulegen. Durch den Verkauf und die fast vollständige Demontage der Werksanlage wurde das Kapitel „Badische Wolframerz GmbH“ beendet. Viele Familien traf der Beschluss schwer. Heute sind die Wunden größtenteils vernarbt. Das Gelände „Hammerwerk“ wurde inzwischen von der Gemeinde Pfinztal als Gewerbegebiet ausgewiesen. In dem ehemaligen Büro- und Wohngebäude der Bawos befindet sich seit einigen Jahren das renommierte Hotel und Feinschmeckerlokal „Villa Hammerschmiede.

Text: Karl-Heinz Wenz, Foto: Gremmelmaier





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